Presseartikel der HAZ

Presseartikel der HAZ vom Dezember 2016

Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung veröffentlichte am 15. Dezember 2016  einen ausführlichen Bericht über unser ORION Fachgeschäft in Hildesheim.  Sie können den Artikel hier online nachlesen: http://www.hildesheimer-allgemeine.de/news/article/das-geschaeft-mit-der-erotik-zu-besuch-bei-orion.html    oder nachstehend.

Die Redakteurin besuchte das Geschäft und hielt sich dort fast einen halben Tag auf. Sie führte ein ausführliches Gespräch mit der Inhaberin und beobachtete den Umgang mit den Kunden.

Das Geschäft mit der Erotik: Zu Besuch bei Orion

Hildesheim – Im kommenden Jahr gibt es einen Tag, auf den sich Daria besonders freut. Schon jetzt bereitet sich die Pächterin des Orion-Shops in der Wallstraße auf den Valentinstag 2017 vor. Denn dann startet „Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe“ in den Kinos, der zweite Teil der Erotik-Trilogie von Autorin E. L. James. Und das bedeutet für Daria vor allem eins: viele neue Kunden. „Die Leute schauen sich den Film an und wollen das Gesehene selbst ausprobieren“, sagt sie. „Masken, Bondage und Peitschen werden dann wieder stark gefragt sein.“

So war es jedenfalls vor knapp zwei Jahren, als der erste Teil Millionen vor die Leinwände lockte. Plötzlich war es für viele Menschen völlig in Ordnung, offen über sexuelle Vorlieben zu sprechen – und im Geschäft nach entsprechenden Produkten zu fragen. „Die Gesellschaft ist viel offener geworden, was Sexualität angeht.“ So drückt es Daria aus.

Die neue Offenheit

Für die 61-Jährige, die montags bis samstags ab 9 Uhr im Orion-Shop verkauft, ist eine solche Entwicklung höchst willkommen. Denn das Konkurrenz-Angebot im Internet ist riesig. Es ist natürlich viel intimer, still und leise etwas online zu bestellen. Wofür böte sich das besser an als für Dinge und Wünsche rund um die Sexualität? Es gab deshalb Zeiten, in denen Erotik-Fachgeschäfte eher schleppend liefen. Doch dann kam eben diese neue Offenheit, auch in Hildesheim. „Es kommen immer mehr ältere Menschen ins Geschäft, gerade Paare. Und vor allem immer mehr Frauen, selbstbewusste Frauen“, sagt Daria.

Ihren Nachnamen wird Daria nicht nennen. Denn Diskretion ist in ihrem Job unerlässlich und die Grundlage für eine erfolgreiche Arbeit. Namen werden grundsätzlich nicht verraten oder weitergegeben, nicht von Kunden, nicht von Mitarbeiterinnen. Zwei weitere Frauen arbeiten im Hildesheimer Orion-Shop, hübsche Frauen, wie Daria betont. „Da müssen wir schon Vorsichtsmaßnahmen treffen.“ Das heißt zum Beispiel: Sexy Kleidung ist tabu, Miniröcke und aufreizender Schmuck bleiben im Schrank, allzu ausladende Dekolletés sind ebenfalls nicht erlaubt. Die Verkäuferinnen tragen ausschließlich schwarz, weiß oder rot. Sie müssen seriös wirken und Autorität ausstrahlen, dürfen sich nicht schämen.„Viele Männer sind hier schon angeregt genug bei all den Dingen in ihrem Blickfeld“, sagt Daria. „Ein sexy Auftreten der Verkäuferin könnte da zu falschen Annahmen führen. Und ich sage ganz klar: Wir sind kein Freiwild.“

Es gibt aber doch immer wieder Kunden, vor allem in den Abendstunden, die davon ausgehen. Aber tatsächlich gefährliche Situationen? Nein, die hat Daria in ihrem Laden in Hildesheim noch nicht erlebt. Anzüglichkeiten passieren, ja, man wird mal am Arm angefasst oder auffällig angelächelt. Und einmal fragte ein Kunde, wo denn der nächste Puff in der Stadt sei. Aber das war es dann auch schon.

Von wegen Schmuddel-Image

Die Atmosphäre im Geschäft soll offen sein, sicher und vertraut. Wer hinter der Ladentür eine verruchte Stimmung erwartet, täuscht sich. Der Laden ist geräumig und hell, dunkle Schmuddel-Ecken sucht man vergeblich. Da reihen sich Kondome an Vibratoren, Gleitmittel und Zeitschriften an Kleidungsstücke, Filme an Spaß-Artikel wie etwa Likör in Spermaform oder Strohhalme, die aussehen wie ein Penis. Einmal überlegte Daria, eine zusätzliche Fetisch-Ecke einzurichten, aber sie entschied sich dagegen. Nun gibt es Peitschen, Lack und Leder, Latex und Fesselzeug eben genauso im Hauptregal wie alle anderen Dinge.

Das Angebot soll für jeden sichtbar sein, sagt Daria, denn einen großen Vorteil gegenüber dem Internetversand gibt es bei ihr: Kundinnen können Strapse oder Korsagen anprobieren, Dildos oder Vibratoren anfassen, Produkte vergleichen. „Das ist für viele Menschen sehr wichtig“, erzählt Daria. Denn nicht jeder Kunde kommt herein und weiß genau, was er will. Viele Leute schauen sich erst einmal lange um, erkunden das Angebot, stöbern durch die Reihen. Und stellen Fragen. Daria ist Beraterin und Trösterin. Kunden vertrauen ihr sexuelle Probleme an, haben zum Beispiel Schwierigkeiten beim gemeinsamen Höhepunkt. Daria schlägt Lösungen vor, weiß Bescheid über Hilfsmittel. Oft kommen Paare gemeinsam, vor allem am Wochenende, junge wie ältere. „Natürlich haben wir auch Stammkunden, aber die Laufkundschaft macht bei uns einen großen Teil aus.“ Und wer bislang dachte, in den Orion-Shop trauen sich Kunden erst nach Einbruch der Dunkelheit, liegt falsch. Tagsüber ist oft mindestens genau so viel los.

Die Sache mit der Scham

Scham ist aber natürlich trotz aller Offenheit ein Thema. Manch einer bleibt zum Beispiel nach dem Einkauf länger als nötig am Eingang stehen, bevor er hinaus in die Wallstraße tritt. Zunächst muss sicher sein, dass nicht gerade der Chef vorbeigeht. Auf den Plastiktüten ist deshalb auch kein auffälliger Schriftzug zu lesen, sie sind schlicht schwarz. „Eine Hemmschwelle ist da bei einigen“, sagt Daria. „Aber längst nicht bei allen.“

Daria mag, was sie da tut, sie wirkt kein bisschen beschämt oder verhuscht. Ihre Grenze ist dort, wo es für sie selbst persönlich wird. Wenn ein Kunde nach ihren persönlichen Vorlieben fragt oder nach ihrer Körbchengröße – dann versteht sie keinen Spaß. Ihre Freunde und Bekannten finden ihren Job spannend, sind neugierig und fragen oft danach. Ein Problem damit hat niemand, sagt die gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfin, auch nicht ihr Mann. Daria kam zufällig zu Orion, als das Unternehmen vor einigen Jahren eine Filialleiterin in Bremen suchte. Ihre Tochter entdeckte das Inserat und machte die Mutter darauf aufmerksam: „Das wäre doch etwas für dich.“ Daria fuhr aus Hannover zum Vorstellungsgespräch, doch letztlich grübelte sie, ob sie tatsächlich nach Bremen umziehen wollte. Doch Orion kam der Entscheidung zuvor und bot ihr den Job in Hildesheim an.

Immer wieder neue Ideen

Hier ist Daria nun also seit 2008 Pächterin, organisiert das Personal und die Ware. Und obwohl immer wieder neue Kunden vorbeischauen, muss sie sich Dinge überlegen, um den Laden am laufen zu halten. Zum Beispiel gestaltete sie eine Internetseite, ausschließlich für das Geschäft in Hildesheim. Aber: Bestellen kann man dort nichts. Es geht lediglich um eine schnelle Übersicht, kaufen sollen Interessierte weiterhin direkt in der Wallstraße. „Man kann sich nicht auf dem Erreichten ausruhen als Geschäftsfrau“, sagt Daria. „Ich denke mir immer wieder etwas Neues aus.“ So wie auch die Erotik-Abende für Frauen. Einmal im Monat ist eine kleine Gruppe ins Hildesheimer Geschäft eingeladen. Eine Beraterin ist dann ebenfalls vor Ort, gibt Tipps und zeigt neue Produkte.

Acht Jahre Arbeit umgeben von Erotik-Produkten, sechs Tage pro Woche, hat Daria das persönlich verändert? „Ach“, sagt sie und lacht. „Da müssen Sie meinen Mann fragen.“